Das Projekt
Obdach
Wir möchten uns bei allen Teilnehmer*innen von Herzen bedanken. Euer Mut, eure Ehrlichkeit und euer offenes Erzählen machen das Projekt „Obdach“ möglich. Durch eure Geschichten bekommen wir einen Einblick in eure Lebenswelten und ihr zeigt, wie viel Stärke und Würde in jedem Einzelnen steckt. Eure Offenheit ist ein Geschenk – danke, dass ihr eure Erfahrungen mit uns geteilt habt.
Thorben Peters
Leiter der HERBERGEplus. in Lüneburg
Mathias Mensch
Fotograf / Art-Direktor
THORBEN
PETERS
Leiter der HERBERGEplus. in Lüneburg
Die Geschichten, die Sie in diesem Buch finden, sind keine anonymen Schicksale. Sie gehören Menschen, die oft unsichtbar gemacht werden, die von unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt und mit wenig mehr als einem Schatten von Anerkennung bedacht werden. Diese Menschen sind keine Statisten in einer Erzählung von Leid und Verlust, sondern Träger einer tiefen Menschlichkeit, Widerstandskraft und der Fähigkeit, ihre Würde zu bewahren – selbst unter den schwierigsten Bedingungen. Was diese Geschichten deutlich machen, ist, dass Armut und Obdachlosigkeit nicht Ausdruck individuellen Versagens sind, sondern die Folge struktureller Ungerechtigkeit, die oft unsichtbar bleibt. Hier geht es nicht um persönliche Schwächen, sondern um ein System, das zu viele Menschen im Stich lässt und sie an den Rand der Gesellschaft drängt. In einer Welt, in der Erfolg und Wohlstand als Maßstab für den Wert eines Menschen gelten, wird denen, die in Armut leben oder obdachlos sind, häufig die Verantwortung für ihre Situation zugeschrieben.Doch was als „Versagen“ betrachtet wird, ist in Wahrheit das Versagen der Gesellschaft – ein Versagen, das Menschen in Isolation und Ausgrenzung führt. Diese Stigmatisierung wertet nicht nur das Leben der betroffenen Menschen ab, sondern nährt auch das Gefühl von Scham und sozialer Entfremdung. Indem wir diese Geschichten hören, sind wir aufgefordert, den Blick zu weiten: Wir sind aufgerufen, den Menschen hinter der Obdachlosigkeit zu sehen – Menschen, die ebenso wie jeder andere Anspruch auf Respekt, Würde und Teilhabe an der Gesellschaft haben.
Die Arbeit der HERBERGEplus. im Lebensraum Diakonie geht über das bloße Bereitstellen eines Daches hinaus. Sie zielt darauf ab, den Betroffenen ihre Würde zurückzugeben und ihnen einen Raum zu bieten, in dem sie als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt werden. Diese Arbeit stellt sich der gesellschaftlichen Ausgrenzung entgegen und strebt danach, gemeinsam mit den Betroffenen eine Perspektive zu entwickeln. Doch diese Perspektive kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie von der Gesellschaft als Ganzes getragen wird. Es reicht nicht aus, nur Symptome zu lindern, ohne die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Strukturen zu hinterfragen und zu verändern. Wer die Stigmatisierung überwinden möchte, muss Bedingungen schaffen, die es jedem Menschen ermöglichen, in Würde zu leben. Dazu gehören das Recht auf Wohnraum, soziale Teilhabe und Respekt – ohne Ansehen der Herkunft, Religion oder des Geschlechts. Dieses Buch ist mehr als nur eine Sammlung von Schicksalen. Es ist ein Appell, unsere Perspektive zu ändern und den Blick auf die Menschen zu richten, die zu oft übersehen und ausgeschlossen werden. Wenn wir Menschen in Armut nicht länger als „die Anderen“ betrachten, leisten wir einen Beitrag dazu, die Entmenschlichung und soziale Isolation zu überwinden. Es geht nicht um Almosen oder begrenzte Hilfe. Die Menschenwürde verpflichtet uns, jeden Menschen als eigenständiges, wertvolles Wesen zu achten. Dieses Buch fordert dazu auf, die Menschen hinter den Etiketten „Armut“ und „Obdachlosigkeit“ zu sehen – nicht als Randfiguren, sondern als Teil unserer gemeinsamen Menschlichkeit. Denn die Unantastbarkeit der Würde des Menschen setzt voraus, dass wir sie aktiv achten, schützen und leben.
CHRISTIAN
CORDES
Superintendant, Vorsitzender des Aufsichtsrates des Lebensraum Diakonie e.V.
Obdachlosigkeit findet scheinbar am Rande der Gesellschaft statt – oft unsichtbar, oft übersehen, und doch allgegenwärtig. Sichtbar wird sie, wenn die Betroffenen auffallen — ein Ärgernis im Straßenbild. Viel mehr wohnungslose Menschen fallen nicht auf. Sie leiden meistens still. Dieses Buch widmet sich den Geschichten von Menschen, die ohne ein Zuhause leben, und gibt ihnen eine Stimme. Es zeigt, dass hinter jedem Schicksal ein Mensch steht, der trotz widriger Umstände seine Würde bewahrt und mit beeindruckender Stärke seinen Weg geht. Die Geschichten, die Sie hier lesen werden, sind keine anonymen Berichte, sondern persönliche Einblicke in das Leben von Menschen, die mit Herausforderungen wie Armut, Obdachlosigkeit, Gewalt und Sucht konfrontiert waren. Sie erzählen von Verlust, Schmerz, aber auch von Hoffnung, Mut und dem unermüdlichen Streben nach einem besseren Leben. Sie sind keine Randfiguren, sondern Teil unserer Gesellschaft – und verdienen Respekt, Anerkennung und Unterstützung. Obdachlosigkeit ist oft die Folge struktureller Ungerechtigkeiten. Es ist ein Symptom eines Systems, das Menschen im Stich lässt und sie in Isolation und Ausgrenzung drängt. Die Stigmatisierung, die damit einhergeht, verstärkt die soziale Entfremdung und erschwert den Weg zurück in ein stabiles Leben. Doch hinter jedem Schicksal steht ein Mensch, der genauso wie jeder andere das Recht auf ein Leben in Würde und Teilhabe hat.
Das Engagement der Diakonie wurzelt im biblischen Menschenbild und dem Vorbild Jesu Christi, der ausgegrenzte und gescheiterte Menschen in die Mitte der Gesellschaft rief, heilte, aufbaute und Versöhnung stiftete. Verdrängte Schuld, erlittene Ungerechtigkeit sind nicht selten die Wurzel der Entzweiung von Menschen, die sich auch in der Stigmatisierung der Schwachen in unserer Gesellschaft äußert. „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!“ mahnt der Prophet Jesaja (Jesaja 58,7); nur ein Beispiel für zahlreiche ähnliche Aussagen. Der Lebensraum Diakonie e.V. setzt sich nicht nur dafür ein, wohnungslosen Menschen ein Dach über dem Kopf zu bieten, sondern ihnen auch neue Perspektiven und die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Integration zu geben. Oft öffnet die Stabilisierung der Wohnsituation, ein Zuhause, den Weg. Darum ist sie unendlich wichtig. Wahrscheinlich kann sich nur jemand, der einmal ohne ein Zuhause sein musste, ausmalen, wie elementar wichtig es ist: Einmal die Tür hinter sich schließen, einen Platz für die eigenen Besitztümer haben, Privatsphäre. Den Blick zu weiten und die Menschen hinter den Etiketten „arm“ und „obdachlos“ zu sehen, ist das Anliegen dieses Buches. Es fordert uns auf, die Unantastbarkeit der Menschenwürde aktiv zu leben und zu schützen. Das fördert gesellschaftlichen Frieden und Gerechtigkeit. Darauf liegt Segen. Und den sollen wir suchen.
SILKE
IDEKER
Pastorin an St. Michaelis, Lüneburg
Diese Ausstellung gibt der anonymen Menschenmenge von rund 17,6 Millionen Menschen, die in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind, ein Gesicht. Wenn der Kühlschrank am Ende des Monats leer ist oder das Geld für Winterschuhe fehlt, wenn die Bahnfahrt zur Substitutionspraxis einfach nicht mehr drin ist oder „das Amt“ aufgrund fehlender Unterlagen die Unterstützung gestrichen hat, brauchen Menschen unkompliziert Hilfe. Ohne lange Wartezeit und Papierkram. Ohne sich dafür schämen oder rechtfertigen zu müssen. Viele Kirchengemeinden helfen Menschen in konkreten Notlagen, bieten Vespertische oder Vesperkirchen an. Man könnte es Almosen nennen – eine kurzfristige Hilfe, die Lücken stopft, aber an der eigentlichen Lebenssituation der Menschen nichts ändert. Wenn Menschen Hilfe suchen, suchen sie diese auch in Kirchengemeinden. In diesen Begegnungen vor Ort passiert mehr. Gesehen und gehört zu werden, direkt Hilfe zu bekommen und sich etwas von der Seele reden zu können, ist ein menschliches Bedürfnis und ein zentrales Element für das Selbstwertgefühl und für Zwischenmenschlichkeit, die Vertrauen nicht verzweckt oder sogar ausnutzt. Gesehen und gehört zu werden, macht Würde sichtbar, hilft die Perspektive zu ändern und kann trösten. Für die Zeit der Begegnung öffnet sich besonders für die Betroffenen ein Raum, der von Nächstenliebe und Respekt gekennzeichnet ist und Hoffnung schenkt.
Das Engagement für Menschen ohne festen Wohnsitz und in schweren Lebenssituationen ist für mich als Pastorin die unverzichtbare und direkte Konsequenz aus dem Leben und Auftrag Jesu Christi: „Was ihr getan habt einem unter den geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25, 40). Es ist die Konkretisierung des Evangeliums in der heutigen Zeit. Die Rolle der christlichen Kirchen in der Gesellschaft wird oft infrage gestellt. Ein verbreitetes gesellschaftliches Verständnis glaubt, auf „die Kirche“ verzichten zu können. Doch angesichts der Grenzen des Sozialstaates, seiner Infragestellung und der wachsenden gesellschaftlichen Spaltung wird der Einsatz der Kirchen besonders relevant und notwendig. Aus meiner Perspektive als Pastorin ist unser kirchliches Selbstverständnis zutiefst politisch motiviert. Es treibt Christ:innen an, die Würde jedes Individuums zu achten und uns für jeden einzelnen Menschen und das Gemeinwohl einzusetzen. Wir sollen uns als Anwält:innen der Armen und Benachteiligten verstehen und unsere Stimmen erheben, um auf soziale Missstände hinzuweisen, an gesellschaftliche Verantwortung für die Schwächsten erinnern und politische Lösungen einfordern. Für mich persönlich bedeutet das auch, ethisch zu mahnen und zu hinterfragen, ob unsere Handlungen ausschließlich von rein ökonomischen oder politischen Logiken bestimmt sind. Dieses Projekt ist mehr als nur ein soziales Statement; es ist Ausdruck des christlichen Kernauftrags: hinzugehen, wo das Leben brüchig ist; zuzuhören, wo niemand mehr Gehör findet; dort zu helfen, wo es nötig ist und die Hoffnung auf ein Miteinander in Gerechtigkeit lebendig zu halten.