Holger hat ein Leben hinter sich, das zwischen Suche, Verlust und Überleben pendelt. Er ist bipolarer Asperger-Autist, hat früh mit Alkohol und Drogen zu kämpfen gehabt und viele Jahre auf der Straße gelebt. Trotz aller Brüche in seinem Leben hat er nie aufgehört, an Liebe zu glauben.

Hallo, mein Name ist Holger und ich bin 51 Jahre alt. Ich bin bipolarer Asperger-Autist. Mein Leben im Schnelldurchlauf sieht so aus: Mit 23 Jahren habe ich mit Drogen angefangen. Mit 24 war ich am Tiefpunkt, mit 25 habe ich noch gesoffen und gekifft. Bis 28 habe ich einen Eigenentzug gemacht – und mit 30 wurde ich obdachlos. Ich habe mir damals gesagt: Wenn ich sowieso nie mehr als 1500 Euro netto verdiene, lohnt sich das alles nicht mehr. Geboren wurde ich in Rotenburg (Wümme), dort habe ich auch meine Kindheit verbracht. Mit meinen Eltern habe ich keinen Kontakt mehr – beide sind Alkoholiker und Drogenabhängige. Irgendwann wollte ich mich davon distanzieren. Meine Eltern haben mich gezwungen, das Abitur zu machen. Mit 16 war ich total verwöhnt – meine Mutter hat alles für mich erledigt. Ich konnte kein Spiegelei braten und nicht einmal die Kaffeemaschine bedienen.

„Ich habe mein Abitur betrunken gemacht. Alle haben getrunken oder gekifft – das war normal.“

Meine Eltern haben mich manipuliert. Sie haben mir Dinge ins Getränk getan. Es fühlte sich immer an wie eine Nebelwand – schwer zu beschreiben. Zuhause musste ich meinem Vater immer Bier holen. Er sagte: „Wenn du kein Bier trinkst, bist du kein Mann.“ Wenn die Eltern ständig betrunken sind, ist das nicht schön. Ich habe sogar mein Abitur betrunken geschrieben. Alle in meiner Klasse haben getrunken oder gekifft. Ich habe mein Abi mit 3,0 geschafft. Große Pläne hatte ich nicht – ich wollte einfach ein normales Leben: einen Job, ein Zuhause, kein großes Tier werden. Wir waren damals regelmäßig in der Kneipe, haben uns dort betrunken und so fing ich auch an zu rauchen – Zigarillos, die guten von Dannemann. Mit 23 bin ich von Zuhause ausgezogen. Ich habe meinen Eltern gesagt, ich wolle studieren – das war aber nur ein Vorwand. Meine Mutter war ein Kontrollfreak, wollte immer wissen, was ich mache. Ich habe das nicht mehr ausgehalten und musste weg. Ich zog nach Dresden.

Meine Eltern waren schlimm – sie nahmen Medikamente, tranken, stanken nach Alkohol. Ich wollte sie weder umarmen noch küssen. Und dann bin ich selbst so geworden. Ich habe schließlich doch angefangen zu studieren und dort meine Traumfrau kennengelernt – Marie. Doch ich habe mich voll dem Alkohol und den Drogen hingegeben. Ich sagte zu ihr: „Ich mache das noch bis ich 25 bin, dann höre ich auf. Dann können wir ohne den ganzen Kram zusammen sein.“ Aber sie hat natürlich nicht gewartet. Das verfolgt mich bis heute. Ich habe seitdem keine andere Frau gehabt – ich wollte nur sie. Das begleitet mich nun seit 25 Jahren. Ich habe ganz Deutschland durchsucht, um sie zu finden – aber keiner weiß, wo sie ist. Es ist zum Heulen. Das Studium habe ich abgebrochen. Mit 28 bin ich das erste Mal obdachlos geworden. Ich habe mich dann mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Einmal war ich bei einer Zimmermannsfirma – aber dort warst du raus, wenn du nicht mitgetrunken hast. Ich habe damals immer unter Alkoholeinfluss gearbeitet und war gut. Heute kann ich gar nicht mehr ohne Alkohol arbeiten. Ich stelle alles infrage, mache mir zu viele Gedanken, finde alles langweilig, kann mich nicht motivieren. Ohne Alkohol geht es nicht. Ich bin beim Alkohol und Kiffen geblieben – von härteren Sachen habe ich die Finger gelassen. Das hat mich schon genug kirre gemacht.

Das Arbeitsleben ist an mir vorbeigezogen. Ich hatte immer wieder Jobs, bin umgezogen, habe die Arbeit verloren, die Wohnung aufgegeben, bin weitergezogen, neuer Job, neue Wohnung – so ging das immer weiter. Ich bin viel in Deutschland herumgekommen, immer zu Fuß oder mit dem Fahrrad und Anhänger. Den Anhänger habe ich mir selbst gebaut – isoliert, wie ein kleiner Radcamper. Ich habe gespart, mir im Baumarkt die Materialien geholt und ihn selbst zusammengesetzt.

Insgesamt habe ich sieben Jahre auf der Straße gelebt – auch bei Minusgraden. Was mich am Leben gehalten hat, war der Gedanke an Marie. Ich wusste, irgendwann würde ich sie finden. Das Leben auf der Straße war hart, auch das Miteinander. Ich habe die harte Sau gespielt, die ich eigentlich gar nicht bin. Aber sonst wirst du ausgeraubt oder Schlimmeres. Angebote für Beziehungen oder Sex hatte ich viele – gerade als Durchreisender. Aber ich kann das nicht. Ich brauche Liebe. Ich brauche meine Marie. Und die Frauen, die mir Angebote gemacht haben, waren eben nicht sie. Viele halten mich deshalb für bescheuert. Aber ich will einfach nicht mehr allein sein. Ich kann das nicht mehr. Ich war eine Zeit lang in Berlin, aber da ist das Klima so scharf, dass man ständig aufpassen muss, was man besitzt. Ich bin schnell wieder weg. Dann ging es nach Wittenberge – da habe ich mich sofort wohlgefühlt. Nach Lüneburg bin ich gekommen, weil ich mich dort in eine Frau verguckt hatte. Ich dachte, es wäre Liebe – aber das war ein Irrtum. Übertrieben gesagt konnte sie nur drei Sätze: „Hast du Essen?“, „Alkohol?“ und „Drogen?“ – da war klar, dass ich schnell wieder weg musste.

Ich bin dann ins Benedikt gekommen – zum Duschen, Essen, Schlafen. Und geblieben. Ich bekam einen Anhänger geschenkt, den ich aufpolieren wollte, aber das wurde mir zu viel. Die Leute hier waren mir zu anstrengend. Ich finde hier im Benedikt auch keinen richtigen Anschluss – die Menschen sind zu verschieden. Und in Lüneburg gibt es keinen Ort, wo man mal allein sein kann. Das macht mich verrückt. Früher war ich eine Nachteule, aber seit ich auf der Straße war, habe ich mir das abgewöhnt. Jetzt stehe ich morgens um halb acht in der Kantine, hole mir meinen Kaffee, rauche eine und dann döse ich weiter. Momentan habe ich nichts zu tun. Mein Fahrrad und mein Anhänger sind fertig, mein Zimmer ist tipptopp – mir fehlt eine Aufgabe. Die Sozialarbeiter sagen, ich solle wieder arbeiten, aber für mich ist das Thema durch.

Seit ich 14 bin, wollte ich Kinder und eine Familie. Aber wie soll das gehen, wenn man die Frau dafür nicht hat – und sich in der Sucht verliert? Wenn immer irgendetwas dazwischenkommt: Filme, Videospiele, Saufen, was auch immer. Mit dem Alter kommt die Weisheit. Ich will leben, lieben und mir ein Nest bauen. Ich möchte nicht mehr aus dem Koffer leben. Und ich möchte meine Marie endlich finden. Nur – die Frage ist: Will sie mich auch?

Weiterlesen