Markus hat ein Leben voller Herausforderungen hinter sich – von strenger religiöser Erziehung über Gefängnisaufenthalte bis hin zu schweren persönlichen Rückschlägen. Heute sucht er Halt, Stabilität und ein Stück Normalität im Alltag, während er gleichzeitig versucht, seine Vergangenheit zu verstehen und sein Leben neu aufzubauen.

Ich heiße Markus Beckmann, bin 48 und komme ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen. Meine Schulzeit habe ich in Rheinland-Pfalz verbracht – doch ich habe sie abgebrochen. Irgendwann verstand ich die Leute einfach nicht mehr, fühlte mich fehl am Platz und ausgegrenzt. Schon als Jugendlicher hatte ich Schwierigkeiten, meinen Platz im Leben zu finden. Ein Grund dafür war sicher meine Mutter. Sie ist Zeugin Jehovas und wollte mich von klein auf zum Glauben bekehren. Ich sollte so leben, wie sie es verlangte, und wenn ich mich weigerte, sperrte sie mich oft ein. Mein Alltag war streng geregelt, ohne Freiheiten, ohne Freunde. Mit Menschen außerhalb der Glaubensgemeinschaft durfte ich nichts zu tun haben. Mit 16 Jahren kam es dann zu einem Wendepunkt. Ich war betrunken nach Hause gekommen, hatte Streit mit meinem Stiefvater und am Ende eskalierte alles. Meine Mutter schlug mich, riss mir den Ohrring aus dem Ohr, den ich mir hatte stechen lassen – ein Symbol für ein kleines Stück Selbstbestimmung, das sie mir nicht zugestehen wollte. Danach war klar: Ich musste da raus. Es folgten Drohungen, Wut, Gewalt – und schließlich ein Jahr Gefängnis. Nach meiner Entlassung zog ich zunächst wieder zu meiner Mutter, aber das hielt nicht lange. Es war, als ob sich alles wiederholen würde. Also packte ich meine Sachen und ging – ohne Plan, aber mit dem festen Willen, meinen eigenen Weg zu gehen. Mein Vater, ein Zigeuner, hatte mir früh Kampfsport beigebracht. Das hat mir in meinem Leben oft geholfen – nicht nur körperlich, sondern auch mental. Ich war immer der Außenseiter. Kein Weihnachten, kein Ostern, kein Geburtstag. Ich durfte an keinem normalen Leben teilhaben. In der Schule wurde ich oft gehänselt, ausgeschlossen, sogar geschlagen. Diese Erlebnisse haben Spuren hinterlassen – innere Narben, die man lange mit sich trägt.

„Ich war schon immer der Außenseiter.
Kein Weihnachten, kein Geburtstag – ich durfte mit niemandem befreundet sein.“

Es schien, als würde endlich Ruhe einkehren. Doch meine Frau fing an, Dinge auf meinen Namen zu kaufen, und am Ende saß ich auf 18.000 Euro Schulden. Ich war verzweifelt. Ein Freund, der gerade aus dem Jugendknast kam, überredete mich, Drogen zu verkaufen, um die Schulden loszuwerden. Ich wusste, dass es falsch war – aber ich sah keinen anderen Weg. In dreieinhalb Monaten hatte ich meine Schulden abbezahlt.

Kurz darauf wurde meine Frau schwanger und ich wollte aus dem ganzen Geschäft raus. Ich wollte nur noch Gras – keine chemischen Drogen mehr. Es war eine Zeit, in der ich einfach Ruhe wollte. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Bei einer Lieferung wollten uns ein paar Typen nicht bezahlen. Wir fuhren mit ein paar Kumpels und Waffen hin, um uns den Stoff zurückzuholen. Dafür bekam ich 6,5 Jahre Haft. Später kamen noch weitere Strafen hinzu – ein halbes Jahr für 13 Gramm Marihuana und vier Monate für ein Butterflymesser. Ich empfand das alles als maßlos überzogen, aber so lief es eben.

Ich war 13 Tage verheiratet, als ich in U-Haft kam. Die Zahl 13 zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben: Mein Vater starb, als ich 13 war. Meinen ersten Hexenschuss hatte ich mit 13, meine erste Operation – am Blinddarm – ebenfalls mit 13. Also dachte ich, es sei fast ein Zeichen, als ich meine 13. Freundin an einem Freitag, den 13. heiratete. 13 Tage später kam ich ins Gefängnis, und weitere 13 Tage danach betrog sie mich – mit meinem Trauzeugen. Anderthalb Jahre später lagen die Scheidungspapiere auf dem Tisch. Ich habe zwei Kinder. Die Mutter meines ersten Kindes starb bei einem Verkehrsunfall; das Kind lebt heute bei einer amerikanischen Familie – eine Geschichte, die kompliziert ist und mich bis heute beschäftigt. Mein zweites Kind wird in diesem Jahr 19 Jahre alt. Ich habe es leider noch nie gesehen. Doch ich hoffe, dass es eines Tages einfach vor meiner Tür steht. Ich rechne fest damit – dieser Gedanke hält mich aufrecht.

Nach meiner Haft kam ich 2013 wieder raus und lernte meine neue Freundin kennen. Wir waren 8,5 Jahre zusammen – eine lange Zeit. Doch sie hatte psychische Probleme, suchte Bestätigung bei anderen Männern. Ich liebte sie, aber das Ganze wurde immer schwieriger. Als ich sie eines Tages beim Fremdgehen erwischte, war ich noch unter Führungsaufsicht – und kam wieder ins Gefängnis. Ich musste in Therapie, um mit all dem fertigzuwerden. Wir trennten uns und kamen wieder zusammen, doch es war ein Kreislauf, der mich zunehmend erschöpfte.

Später bekam ich einen Job als Geländepfleger in Berlin. Ich wollte dort neu anfangen. Aber meine Ex-Freundin ließ nicht los. Als sie merkte, dass ich nicht zurückkommen würde, begann sie, mir das Leben schwer zu machen. Sie ließ den Strom abstellen, kündigte Daueraufträge, erzählte dem Gerichtsvollzieher, ich sei verschwunden. Als das aufflog, bekam meine Chefin Wind davon – und schließlich verlor ich auch meinen Job. Ich kehrte nach Lüneburg zurück, wo ich zunächst in der ambulanten Wohnhilfe der Diakonie Uelzen unterkam. Eine Sozialarbeiterin erzählte mir dann, dass es in Lüneburg eine Unterkunft gibt, die auch Menschen mit Hund aufnimmt. Seit dem 1. November 2021 bin ich nun hier – und fühle mich endlich angekommen.

Ich bin gesundheitlich stark angeschlagen: COPD, ADHS, Rheuma. Arbeiten ist kaum noch möglich, aber eine Invaliden- oder Erwerbsminderungsrente bekomme ich trotzdem nicht. Die Ämter versuchen immer wieder, mich zu vermitteln. Mein Hund ist mein wichtigster Halt. Sie ist meine ständige Begleiterin, mein Schutz, meine Familie. Ich habe Schlafapnoe – und wenn etwas nicht stimmt, weckt sie mich sofort. Sie hält mich in Bewegung, zwingt mich raus, sorgt dafür, dass ich Struktur habe. Ohne sie würde ich mich wahrscheinlich kaum noch bewegen.

Ich bekomme auch Besuch von Frauen – aber nicht so, wie viele denken. Bei mir finden sie Ruhe. Wir unterhalten uns, tauschen uns aus. Ich bin mit Schwestern aufgewachsen und weiß, wie man sich Frauen gegenüber verhält. Respektvoll, ruhig, ehrlich. Hier im Benedikt komme ich mit allen gut klar – sowohl mit den Bewohnern als auch mit den Sozialarbeitern. Es gibt keine Probleme, keine Spannungen. Man unterstützt sich gegenseitig, achtet aufeinander. Ich fühle mich hier sicher – und das ist ein Gefühl, das ich lange nicht mehr kannte.

Ich träume davon, irgendwann wieder ein eigenes Haus zu haben – gemeinsam mit ein paar Freunden und vielleicht auch ein paar Frauen. Ich würde gern Hunde züchten. Mit Tieren komme ich gut klar, sie geben mir Halt und fordern mich gleichzeitig heraus. Auch was Resozialisierung angeht, habe ich ein gutes Gespür – das wäre mein Weg.

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