Roswitha, 70 Jahre alt, stammt aus Lüneburg und hat ein bewegtes Leben hinter sich. Sie hat geliebt, gelitten, sich neu erfunden – und gelernt, mit Rückschlägen umzugehen. Nach familiären Brüchen, Gewalterfahrungen und einer Zeit ohne feste Wohnung hat sie heute wieder Halt gefunden.
Hallo, mein Name ist Roswitha Grabow. Ich komme aus Lüneburg und wurde in Adendorf geboren. Mittlerweile bin ich 70 Jahre alt – und ich habe mir mit 65 Jahren erlaubt, glücklich zu sein. Ich habe zwei Kinder und fünf Enkelkinder. Ich habe damals die Volksschule besucht und in der 9. Klasse meinen Abschluss gemacht – mit einem Durchschnitt von 2,0. Im Unterricht habe ich lieber beim Werken mitgemacht, statt bei den typischen „Mädchensachen“. Ich wollte nämlich Dekorateurin werden. Nach einer Schuluntersuchung, bei der festgestellt wurde, dass ich keinen stehenden Beruf ausüben sollte, habe ich mich bei der Firma Dieckmann als Dekorateurin beworben. Eigentlich wollte ich Friseurin werden, aber das ging nicht – Hocker, um um den Kunden herumzufahren, gab es damals noch nicht.
Ich bekam den Ausbildungsplatz bei der Firma Dieckmann, habe aber nach einem halben Jahr abgebrochen. Meine Eltern hatten sich scheiden lassen, und – wie ich erst später herausgefunden habe – hatte ich ein starkes Fluchtverhalten. Ich bin zu meiner Tante nach Fallersleben abgehauen. Sie hatte schon sechs Kinder und hat mich immer liebevoll „Röschen“ ge-nannt. Meine Mutter wusste, dass ich bei ihr war – und das war in Ordnung. Ich hatte noch einen Bruder. Nach dem Tod unserer Eltern haben wir uns zunächst auseinandergelebt, aber irgendwann wieder zueinander gefunden. Er ist mittlerweile leider schon verstorben. Mein Vater ist damals fremdgegangen, und es gab Probleme, weil er uns enterben wollte – was letztlich nicht geklappt hat.
„Ich lebe so, dass ich niemandem schade und nicht auf Kosten anderer lebe.“
Meine erste Wohnung hatte ich auf dem Kreideberg, im Hochhaus 63. Mein Vater hatte das Haus als Maurer mitgebaut – das fand ich irgendwie schön. Meinen ersten richtigen Freund habe ich damals in Lüneburg kennengelernt und mich unheimlich in ihn verliebt. Sein Spitzname war „Gachi“. Er war ein Frauenheld – das war auch der Grund, warum es nicht lange gehalten hat, obwohl ich mir das gewünscht hätte. Später bin ich mit meinem Mann zusammengekommen. Mit ihm habe ich meine beiden Mädchen bekommen – Viola und Martina. Wir wohnten damals im Oedemer Weg in einer Wohnung von Lüwobau. Mit der Zeitkamen aber Probleme: Mein Mann fing an, mich zu schlagen. Körperlich taten mir die Schläge gar nicht so weh, aber auf meiner Seele haben sie Spuren hinterlassen. Außerdem hat er mich betrogen – und ich habe es herausgefunden. Das hat so wehgetan … das wünsche ich niemandem.
Ich habe mich schließlich von meinem Mann getrennt und bin mit den Kindern ins Frauenhaus nach Norderstedt gegangen. Das Problem war nur: Ich liebte ihn irgendwie noch, trotz allem, was er uns angetan hatte. Aber es sprach einfach zu viel dagegen. Nach einem Jahr bin ich wieder zurück nach Lüneburg – meine Heimat.Ich habe dann in Jüttkenmoor gewohnt und im Krankenhaus in der Küche gearbeitet. So richtig im Arbeitsleben stand ich nie. Ich hatte zwar immer irgendwelche Minijobs, um etwas Geld zu verdienen, aber die hielten nie lange. Heute weiß ich warum: Ich hatte Angst vor diesem Leben. Ich wollte immer Mutter und Hausfrau sein, in einem behüteten Umfeld – bei meiner Familie. Ich habe dann von Sozialhilfe gelebt und später von meiner Rente. Außerdem habe ich meine Mutter gepflegt, als es ihr nicht mehr gut ging. Sie wohnte auf dem Kreideberg. Als mein Vater gestorben ist, hat mich das völlig aus der Bahn geworfen, und ich bin dann in Therapie gegangen.
Obdachlos bin ich geworden, als ich schon über 60 war. Ich hatte mich verschuldet, konnte mit Geld nicht besonders gut umgehen und meine Ausgaben irgendwann nicht mehr ausgleichen. Ich habe dann meine Miete nicht mehr bezahlt und in Kauf genommen, rauszufliegen. Das Geld, das ich bekam, habe ich für Lebensmittel ausgegeben – und überraschenderweise fühlte ich mich irgendwann vogelfrei. Es ging mir sogar gut. Aber bis es so weit war, musste ich eine schlimme Zeit durchleben. Meine Wohnung sollte geräumt werden, und ich habe es vorher nicht geschafft, sie selbst zu räumen. Der ganze Vorgang war traumatisch für mich. Alle Beteiligten waren so unsensibel – sie haben mir all meine persönlichen Dinge genommen. Meine Sachen wurden eingelagert und verkauft. Das kann man sich kaum vorstellen. Ich sage immer: Es war wie eine seelische Vergewaltigung für mich. Vielleicht ist das der Grund, warum ich heute so viel sammle. Das musste ich unter Kontrolle bekommen – auch aus hygienischen Gründen.
Eine Sozialarbeiterin wurde auf mich aufmerksam, als ich Dinge sammelte. Sie hat mich zu einem Gespräch eingeladen und mir gesagt, dass sie mir helfen kann. Ich war sofort begeistert von der Idee, ins Benedikt zu ziehen – und dankbar. Ich habe nie auf der Straße geschlafen, sondern immer irgendwo Unterschlupf gefunden. Mit Alkohol habe ich erst im Alter angefangen, aber immer in Maßen getrunken.
Seit 2022 bin ich nun hier. Zuerst habe ich in der Baracke gewohnt, aber nur kurz. Dann bin ich ins Haupthaus gezogen. Hier geht es mir gut – auch wenn es nicht billig ist. Das Verhältnis zu meinen Kindern ist heute wieder gut. Zwischenzeitlich hatten wir unsere Probleme, aber das haben wir geregelt. Ich habe bei beiden auch eine Zeit lang gewohnt. Rückblickend kann ich sagen: Ich bereue meinen Weg und meine Entscheidungen nicht. Ich sehe es als Bereicherung, dass ich auf diesem Weg Menschen kennengelernt habe, denen ich auf dem „konservativen Weg“ nie begegnet wäre. Ich lebe so, dass ich niemandem schade oder auf Kosten anderer lebe – das mag ich überhaupt nicht. Mein Motto ist: Leben und leben lassen.
Ich würde gern einmal nach Kanada – mache mir aber Sorgen, dass ich das wegen meines Alters nicht mehr schaffe. Ansonsten bin ich schon für einen Alterswohnsitz angemeldet – mal sehen, ob das klappt. Mein Tipp für Menschen, die in eine ähnliche Situation kommen wie ich: Sucht euch Freunde. Verliert den Blick in die Zukunft nicht. Glaubt an euch selbst – und haltet an etwas fest.
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