Tatjana stammt aus Buchholz in der Nordheide und hat ein Leben voller Umbrüche, Herausforderungen und Neuanfänge hinter sich. Sie erzählt offen von ihren Erfahrungen auf der Straße, von Verlusten, von ihrer treuen Katze Lola, die ihr Halt gab, und von den kleinen Momenten des Glücks, die ihr Mut gemacht haben. 

Hallo, ich heiße Tatjana Strothmeier und komme ursprünglich aus Buchholz in der Nordheide. Ich bin so oft umgezogen, dass ich gar nicht mehr zählen kann, wie viele Wohnungen es waren. Aber ich fang mal von vorne an. Meine Schulzeit – also Grundschule und Orientierungsstufe – habe ich in Salzhausen verbracht. Danach bin ich auf die Realschule gegangen, wurde dort aber rausgeworfen. Ich habe es mit der Schule damals nicht so genau genommen und habe in dieser Zeit schon bei meinem Freund gewohnt – was meine Mutter natürlich gar nicht gut fand. Sie war alleinerziehend und hat sich allein um mich gekümmert. Ich war 14 Jahre alt … das kann man schon verstehen, dass sie das nicht so toll fand. Mit meinem Freund war ich bis etwa 17 oder 18 zusammen. Es war aber immer so eine On/Off-Beziehung. In dieser Zeit habe ich auch meine erste eigene Wohnung bekommen – dabei hat mir meine Mutter geholfen, sie hat die Kaution hinterlegt. Damals kam auch meine Katze Lola zu mir. Das war auf einem Bauernhof in Eyerndorf. Seitdem waren wir unzertrennlich. Sie ist schwarz-weiß und war immer an meiner Seite.

„Im Sommer war alles gut, im Winter mussten wir uns in Decken wickeln, damit wir nicht erfrieren.“

Aus meiner ersten Wohnung bin ich wegen Ruhestörung rausgeflogen. Danach habe ich wieder gesucht und schließlich eine Wohnung in Eyendorf gefunden. Doch auch dort hat es nicht lange geklappt – es gab Probleme mit den Nebenkosten. Dann bin ich nach Lüneburg gezogen, hinter die Saline. In dieser Zeit habe ich mich entschieden, einen Kurs bei der VHS zu machen, um meinen Realschulabschluss nachzuholen – und das habe ich auch geschafft! Mein Durchschnitt war 2,4. Danach habe ich versucht, aufs Gymnasium zu gehen, aber ich habe so oft wiederholt, dass ich schließlich von der Schule musste. Mein Drogenkonsum begann mit Kiffen. Man hatte damals Freunde, über die man leicht an das  Zeug kam. So bin ich irgendwann auch an härtere Sachen geraten – und habe sie genommen. Das Problem ist, dass sowas immer Nebenwirkungen hat. Ich versuche das mal zu erklären: Ich habe einen starken Fokus auf meine Weiterentwicklung. Wenn dieser Fokus gestört wird, zum Beispiel durch Stimmen, die ich manchmal höre, dann wird das zu viel für mich. Ich muss dann Dinge tun, die mir helfen, den Fokus wiederzufinden – Matheaufgaben zum Beispiel, oder etwas Logisches, Sinnvolles. Heute nehme ich deutlich weniger Drogen, einfach weil alles so teuer geworden ist.

„Um Essen zu bekommen, habe ich Pfandflaschen
gesammelt – und manchmal auch geklaut.“

Als ich im Ovelgönner Weg in Lüneburg gewohnt habe und wieder raus musste, begann meine Zeit auf der Straße. Meine Katze war immer bei mir – auch als ich obdachlos wurde. Sie hat mir Halt gegeben und war immer da.Ich habe an verschiedenen Orten übernachtet: an einem Fußballfeld, unter Brücken, an Raststätten, bei einem Kollegen im Garten, auf Wiesen … es waren so viele Orte und meine Lola war immer dabei. Im Sommer war es auszuhalten, aber im Winter mussten wir uns in Decken wickeln, damit wir nicht erfrieren. Irgendwann wurde die Situation richtig schlimm. Ich fühlte mich verfolgt. Von Energien, die die Bindung zwischen Lola und mir gestört haben. Das ist auch schwer, sowas jemanden zu erklären. Aber so ist es bei mir. Ich muss mich ja auch vor jedem rechtfertigen. Als ich dann in einer Holzhütte in der Nähe vom Benedikt untergekommen war, haben sie mir Lola weggenommen. Die Leute von der Diakonie / HERBERGEplus. sagten, dass ich mich nicht mehr richtig um sie kümmern könne und dass es besser wäre, wenn sie woanders unterkommt. Das ist jetzt fast drei Jahre her. Ich frage mich oft, ob meine Lola noch lebt. Sie bedeutet mir alles – und wenn ich daran denke, dass sie nicht mehr bei mir ist, macht mich das sehr traurig. Bevor ich ins Benedikt gekommen bin, war ich woanders untergebracht. Da war eigentlich alles gut, aber dann wurde plötzlich ein Katzenverbot eingeführt – was ich gar nicht verstanden habe. Ich habe Lola dann heimlich reingeschmuggelt und mir die wildesten Dinge ausgedacht. Ich musste Lola dann auch heimlich mit in die Herberge nehmen und mir immer wieder kreative Verstecke ausdenken, so dass man uns nicht zusammen erwischt. 

Dann gab es ein Erlebnis, das mich bis heute gesundheitlich sehr stark belastet. Ich war bei einem Bekannten und wurde dort eingesperrt. Mit der Situation konnte ich nicht umgehen und war völlig außer mir. Es endete damit, dass ich aus der obersten Etage des Hauses gesprungen bin. Oh Mann … zum Glück bin ich gerade heruntergesprungen – wäre ich anders aufgekommen, wäre ich wohl heute tot. Ich bin auf den Füßen gelandet und dann wie eine Kerze umgekippt. Ich wurde vom Fuß bis zur Wirbelsäule mehrfach operiert und war insgesamt etwa drei Monate im Krankenhaus. Seitdem brauche ich für längere Strecken einen Rollstuhl, anders geht es nicht. In meinem Alltag schlafe ich gern – mein Bett ist mir heilig. Ich spiele Gitarre und schreibe meine eigenen Lieder und Texte. Außerdem mag ich gern künstlerische Dinge und versuche sie auch anzugehen ... soweit mir das möglich ist.

Ich habe auch gute Aussichten, bald bei der „Neuen Arbeit“ anzufangen. Das würde mir Struktur geben – das fände ich gut. Mein Wunsch für die Zukunft: Ich hätte gern meine Lola zurück. Sie ist mir so wichtig. Ich lieb sie über alles.

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