Matthias ist gebürtiger Lüneburger und gelernter Kfz-Mechaniker. Nach Jahren harter Arbeit und persönlichen Rückschlägen kämpft er sich Schritt für Schritt zurück ins Leben. Heute hat er in einer WG wieder Halt gefunden – und die Hoffnung, sein Leben dauerhaft in den Griff zu bekommen.

Mein Name ist Matthias Wichert, ich bin 58 Jahre alt und komme gebürtig aus Lüneburg. Ich bin gelernter KFZ-Mechaniker mit Gesellenbrief. Nach meiner Ausbildung bin ich zur Bundeswehr gegangen. Eigentlich wollte ich dort zwölf Jahre bleiben, um später den internen Meister zu machen – darauf hat man erst nach zehn Jahren Dienstzeit Anspruch. Doch es kam anders: Ich wurde auf den Panzer versetzt, und das war so gar nicht meins. Nach fünfzehn Monaten beim Bund habe ich schließlich aufgehört. Danach wollte ich vor allem arbeiten und Geld verdienen. Ich war in ganz unterschiedlichen Betrieben tätig – unter anderem in einer Eisenbrennerei, wo ich drei Jahre gearbeitet habe, und später 27 Jahre lang in einem Reinigungsunternehmen. Ich habe zwei Kinder von zwei verschiedenen Frauen, mit meiner zweiten Frau war ich sogar verheiratet.
Mein Problem mit dem Alkohol kam schleichend. Ich habe damals sieben Tage die Woche gearbeitet, zusätzlich mit einem Gewerbeschein noch nebenbei gejobbt. Wir hatten ein Haus in Melbeck gemietet, mit Vorkaufsrecht – da musste jeder Pfennig stimmen. Diese ständige Belastung hat unserer Beziehung aber nicht gutgetan. Ich war kaum zu Hause, und irgendwann ist meine Frau fremdgegangen. Die Scheidung war die Folge. Das Verhältnis zu meinen Ex-Frauen ist heute „mal so, mal so“. Ich konnte meinen Kindern lange Zeit nicht viel bieten. Mein Alkoholkonsum wurde immer stärker – an manchen Tagen waren es sieben bis acht halbe Liter Bier. Aber eines habe ich mir bis heute bewahrt: Wenn meine Kinder zu Besuch kommen, trinke ich keinen Alkohol. Und Auto bin ich nie betrunken gefahren – deshalb habe ich auch heute noch meinen Führerschein. Mein Arzt nannte mich einmal einen „kontrollierten Alkoholiker“. Seit zwei Jahren bin ich wieder in Therapie. Rückblickend denke ich, dass mir damals mehr soziale Kontakte geholfen hätten, nicht so im Alkohol zu versinken.

„Ich war zweieinhalb Monate obdachlos – mitten im Winter. Eine harte, kalte Zeit.“

Nach meiner Ehe hatte ich zunächst eine eigene Wohnung, zog dann zu meiner neuen Freundin Gudrun nach Scharnebeck. Nach sieben Jahren kam aber der Rückfall. Ich ließ mich wieder hängen, körperlich und seelisch. Dazu kamen Probleme mit meinen Beinen, die teilweise durch den Alkohol verursacht wurden.Eines Tages habe ich einfach den Firmenwagen bei der Arbeit abgestellt – und bin nicht mehr hingegangen. Ohne Bescheid zu sagen. Ich meldete mich nicht beim Arbeitsamt, zahlte keine Krankenkassenbeiträge mehr. Gudrun hat mich trotzdem unterstützt und sogar für mich mitbezahlt – dafür bin ich ihr bis heute dankbar. Aber irgendwann war auch bei ihr das Maß voll. Ich durfte noch vier Wochen in ihrem Auto schlafen, bevor ich ganz auf der Straße landete. Ich schlief an verschiedenen Orten – am Inselsee, am Reihersee – und trank dort auch regelmäßig. Meine wenigen Sachen – eine Sporttasche und zwei große Kartons – waren mein ganzes Hab und Gut. Schließlich setzten sich Gudrun und ein Polizist aus Scharnebeck mit mir zusammen. Gemeinsam beschlossen sie, dass ich Hilfe brauche. So kam ich in die PKL, auf die Station E5. Eigentlich sollte ich nur ein paar Tage bleiben – am Ende wurde es ein ganzer Monat. Ein Sozialarbeiter half mir dort, wieder Fuß zu fassen: mich beim Jobcenter und Sozialamt zu melden, damit ich wieder Geld bekam. Ich sollte anschließend noch in eine Langzeitklinik zur Entgiftung, aber ich kam dort nie an – ich bin kurz vorher einfach abgebogen. Ich konnte es nicht. Stattdessen bin ich ins Benedikt gefahren. Dort bekam ich innerhalb von vier Stunden eine Einweisung und ein Zimmer.

Doch die Betreuer der HERBERGEplus. / Diakonie merkten schnell, dass ich dort untergehen würde – dort wurde mehr getrunken, als mir guttat. Ich kam dann zunächst in eine WG mit acht Bewohnern, doch auch dort war das Umfeld schwierig. Schließlich wurde ich in eine kleine 3er-WG in der Ritterstraße vermittelt. Dort geht es mir gut – ich fühle mich angekommen. Auch Gudrun und ich haben wieder zueinander gefunden. Ich kümmere mich darum, meine Schulden zu begleichen – etwa bei der Krankenkasse – und bereite nun eine Privatinsolvenz vor, um endlich wieder Ordnung zu schaffen. Ich muss sagen: Hier bei der Herberge fühle ich mich wirklich wohl. Man kümmert sich um uns, man bekommt Struktur, Termine werden eingehalten – und mit der Zeit kommt auch die Motivation zurück. Ich treffe mich wieder mit meiner Familie und alten Kollegen, lese gern und schaue Dokumentationen. In unserer WG verstehen wir uns gut – wir kochen gemeinsam, halten die Wohnung sauber und achten aufeinander. Besonders berührt hat mich, wie viele Menschen zu mir gehalten haben, obwohl ich mich früher komplett abgeschottet hatte. Richtig Klick gemacht hat es bei mir, als ich das erste Mal ins Benedikt kam. Ich sah die Menschen dort und dachte: Wenn ich das nicht in den Griff bekomme, lande ich genau da. Diese Erfahrung war heilsam. Ich habe gesehen, wie viele dort schon aufgegeben hatten – und das wollte ich nicht. Ich denke heute oft an die schlimme Zeit zurück, an das, was ich falsch gemacht habe und wem ich wehgetan habe. Das halte ich mir bewusst vor Augen, damit ich nicht wieder dieselben Fehler mache. Früher war mir alles egal – heute rede ich über meine Probleme, statt sie in Alkohol zu ertränken.

Ein Erlebnis werde ich nie vergessen: Ich hatte einmal am Schiffshebewerk auf einer Bank übernachtet. Plötzlich tippte mich jemand an. Ich öffnete die Augen, und da stand ein kleines Mädchen mit ihrer Mutter. Sie gab mir fünf Euro, eine Capri-Sonne und einen Kinderriegel. Wenn ich daran denke, kommen mir heute noch die Tränen. Insgesamt war ich rund zweieinhalb Monate obdachlos – mitten im Winter, von Januar bis Februar. Es war eine harte, kalte Zeit. Heute versuche ich, meinen Alltag klar zu strukturieren und nicht in alte Muster zurückzufallen. Auch wenn Gudrun und ich uns wieder annähern, bleibe ich erstmal in meiner WG – ich will mein Leben erst festigen, bevor ich wieder größere Schritte mache.Von anderen Drogen habe ich immer die Finger gelassen. Mein einziges Laster war der Alkohol – und er begleitet mich noch heute.

Mein Ziel für die Zukunft ist einfach: wieder klarzukommen, keine Dummheiten zu machen und das Leben, das ich jetzt habe, nicht mehr zu verlieren. Mein ehemaliger Chef hat mir sogar gesagt, dass ich jederzeit zurückkommen kann, wenn ich stabil bleibe. Das ist für mich ein großes Zeichen von Vertrauen – und eine Motivation, weiterzumachen.

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