Niklas hat mehr erlebt, als viele Menschen in mehreren Leben zusammen. Gewalt, Drogen, Obdachlosigkeit. All das hat ihn geprägt, aber nicht gebrochen. Heute erzählt er offen von seinem Weg, von Verlust, Sehnsucht und dem unerschütterlichen Wunsch, wieder festen Boden unter den Schuhen zu spüren.

Mein Name ist Niklas Hagenau, ich bin 35 Jahre alt und komme ursprünglich aus Lüneburg. Meine Kindheit war schwierig. Schon früh kam ich mit Drogen, Gewalt und auch mit dem Thema Obdachlosigkeit in Berührung. Durch Zufall und mit viel Unterstützung konnte ich eine Ausbildung abschließen. Doch einen Job fand ich nicht – und so war ich bald wieder obdachlos. Über einen Bekannten landete ich schließlich im Schaustellergewerbe, auf dem Rummel. Ich kam viel herum, arbeitete an Fahrgeschäften und lernte verschiedene Menschen kennen. In meinem Leben hatte ich bisher nur einmal eine eigene Wohnung – ansonsten war ich immer ohne festen Wohnsitz, weil mich mein Weg von einem Ort zum nächsten führte. Meine Familie war von Anfang an von Trennungen und Problemen geprägt. Meine Mutter war schwer alkoholkrank, den Kontakt zu meinem Vater hat sie mir jahrelang verwehrt. Ich habe zwei Schwestern, von denen eine schwer erkrankt ist. Auch ich kämpfe seit meiner Kindheit mit psychischen Erkrankungen. Ich war immer auffällig, ein „Systemsprenger“. Das Jugendamt war ständig involviert, mehrmals wurde ich aus meiner Familie genommen. In dieser Zeit entwickelte ich auch mehrere Suchterkrankungen.

„Ich hatte in meinem Leben nur eine Wohnung – den Rest der Zeit war ich wohnungslos.“

Mit zehn Jahren hielt ich es zu Hause nicht mehr aus und lief weg. Wochenlang war ich verschwunden, wurde von der Polizei gesucht. Ich fuhr schwarz Zug, landete in Berlin und Hamburg. In Lüneburg konnte ich nicht bleiben. Mit einem Rucksack voller Kleidung und Essen zog ich los und schnorrte mich durch. Immer wieder brachte mich die Polizei nach Hause, immer wieder kam ich in Obhut des Jugendamtes oder in Kinder- und Jugendpsychiatrien. Doch ich blieb nirgendwo lange – ich kam nie wirklich in den Hilfen des Staates an. Über meine Schwester hatte ich früh Kontakt zur Punkszene. Durch einen Freund rutschte ich schließlich in eine Gruppe von fünf bis sechs Leuten. Auf der Straße bedeutet so eine Gruppe Zugehörigkeit – Menschen, die einen verstehen. Und auch Freiheit: tun und lassen, was man will, ein Leben ohne Regeln. In dieser Zeit begann meine Drogenkarriere: erst Alkohol und Cannabis, dann Amphetamine. Sieben Jahre lebte ich so auf der Straße, zog von Stadt zu Stadt, von einem besetzten Haus ins nächste. Es war ein Leben zwischen Zusammenhalt und Verlust. Ich habe gute Freunde sterben sehen.

Dazu kam eine schlechte Suchttherapie, durch die ich abhängig von Medikamenten wurde, vor allem Benzodiazepinen. All das hat Spuren hinterlassen – bis heute. Im Moment bin ich deshalb wieder im Benedikt in Lüneburg. Ein richtiges Zuhause vermisse ich manchmal. Aber weil ich es nie richtig kennengelernt habe, fällt es mir schwer, es zu beschreiben. Gewalt, Mobbing, Zwangseinweisungen – das alles hat dazu geführt, dass ich manchmal einfach weg muss, weil ich das Gefühl habe, ich drehe durch. Früher hatte ich heftige Ausraster, die ich nicht unter Kontrolle hatte. Einmal wäre es fast eskaliert. Die Polizei konnte mich nicht bändigen, ich bekam eine Spritze und wachte später sabbernd in einer Zelle auf. Diese Selbst- und Fremdgefährdung führte immer wieder zu Zwangseinweisungen – in Lüneburg, Hamburg und Berlin. Wie man eine Einrichtung erlebt, hängt stark davon ab, ob man freiwillig dort ist oder nicht. Wer freiwillig eingewiesen ist, kann jederzeit gehen – dann sind die Pflegerinnen und Pfleger meist freundlich, man fühlt sich sicher. Wird man aber gegen seinen Willen eingeliefert und versteht nicht, was passiert, ist das Trauma hoch zehn.

Zurück nach Lüneburg kam ich durch meine Arbeit auf dem Rummel. Als es mir psychisch wieder schlechter ging, kündigte ich und beschloss, erst einmal hierzubleiben und mich um meine Gesundheit zu kümmern. Ich bekomme mittlerweile Erwerbsminderungsrente (früher EU-Rente), alle fünf Jahre muss ich zum Gutachter. Eine gesetzliche Betreuerin hilft mir bei den Anträgen. Der größte Teil meines Geldes geht für die Unterbringung im Benedikt drauf.

Wenn ich doch mal Geld für Alkohol oder Cannabis brauche, sammele ich Pfandflaschen oder schnorre. Klauen oder Straftaten sind für mich keine Option – ich will mir mein Leben nicht noch weiter verbauen. Härtere Drogen nehme ich nicht mehr. Ich habe viel gesehen und gelernt, was passieren kann, und habe es heute ganz gut im Griff.

Ich versuche, in Behandlung bei der PKL zu kommen und mache viel Sport. Wenn ich stabil bin, arbeite ich immer wieder, um nicht rückfällig zu werden. Den ganzen Tag unterwegs zu sein hilft mir, nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Eine eigene Wohnung wäre mein Traum. Mit dem Alter wächst der Wunsch nach etwas Festem. Doch meine Adresse – Benedikt oder Salzstraße – ist ein Problem. Sobald Vermieter sie sehen, kommt sofort ein Nein. Inzwischen gebe ich die Adresse eines Freundes an, um überhaupt Chancen zu haben.

Ich bin seit vier Jahren in einer Beziehung, auch wenn sie nicht immer leicht ist. Meine Freundin hat dieselben psychischen Probleme wie ich. Es ist eine On/Off-Beziehung. Wir haben uns über meinen besten Freund kennengelernt. Mit der Diakonie und der Herberge komme ich gut klar, auch wenn es hin und wieder Konflikte mit Einzelnen gibt. Mein großer Traum ist ein eigener Wohnwagen – einfach losfahren und weg sein. Dafür muss ich noch sparen.

Was sich ändern muss? Herberge und Diakonie tun schon viel. Aber der Staat muss mehr in sozialen Wohnraum investieren.  Es kann nicht sein, dass Wohnungen renoviert und dann zu horrenden Preisen vermietet werden. Neulich habe ich eine 1-Zimmer-Wohnung besichtigt: 19 Quadratmeter für 1.300 Euro kalt – mitten in der Stadt.

Mit meinen Schwestern habe ich heute ein gutes Verhältnis, auch mit meiner Mutter besteht Kontakt. Sie sieht bis heute nicht ein, dass sie alkoholabhängig ist. Sie ist depressiv, genau wie ich. Diese Kombination ist oft schwierig.

Rückblickend hätte ich einiges anders gemacht. Vor allem Drogen und Sucht hätten mir viel erspart. Ich habe Glück, dass ich nie im Gefängnis gelandet bin – meine Akte sieht trotzdem nicht gut aus. Aber heute versuche ich immer, das Beste aus meiner Situation zu machen. Jedes Mal, wenn ich wieder in Obhut bin, sage ich mir: Tiefer will ich nicht fallen – und trete mir selbst in den Hintern.

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